Vor gar nicht all zu langer Zeit wurden wir zu einer Hochzeit bestellt, um für die Enkeltochter von Frau XY nach deren Trauung die Tauben fliegen zu lassen. Der Kontakt war per Telefon, die Dame war nett und wusste was sie wollte. Wir nahmen den Auftrag entgegen und disponierten diesen wie üblich. Am Tag der Trauung fuhren wir dann mit unseren Hochzeitstauben Richtung Kirche. Alles funktionierte reibungslos, wir waren überpünktlich, die Trauung fing pünktlich an, alles lief wie geplant – so schien es!

Nach der Trauung kam das Brautpaar aus der Kirche, gefolgt von all seinen Hochzeitsgästen. Braut und Bräutigam stellten sich vor die Kirche und fingen an, die Glückwünsche entgegenzunehmen. Normalerweise sollen die Tauben ja noch vor der Gratulationsrunde fliegen gelassen werden, aber was ist schon normal?

Da sich nach geraumer Zeit noch immer niemand als Frau XY zu erkennen gegeben hat, wurden wir langsam etwas nervös. Die Gratulationsrunde war kurz vor dem Ende und weit und breit keine Spur von der Oma. Also fingen wir an, uns durchzufragen, aber niemand wusste wo Frau XY ist. Wir suchten dann das Gelände rund um die Kirche ab und entdeckten eine ältere Dame, die auf dem Weg zum Auto war. Wir fragten sie, ob Sie Frau YX kenne und sie bejahte dies mit dem Hinweis, dass sie es selbst sei. Überrascht von der Antwort fragten wir, was denn mit den Tauben sei, ob die nicht mehr fliegen gelassen werden sollten. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und Sie musste uns gestehen, dass sie dies im ganzen Hochzeitsdurcheinander vergessen hatte. “Gott sei Dank haben Sie nach mir gesucht”, sagte sie. Da Frau XY allerdings von der schönen Trauung ganz aufgelöst  war, nahmen wir die liebe Lady unter den Arm und gingen mit ihr zusammen zum Brautpaar. Nachdem wir Braut und Bräutigam gemeinsam mit Frau XY zum Korb geführt hatten, öffnete diese den Korb voller Tauben und ließ die Boten des Glücks in Richtung Himmel fliegen. Daraufhin lasen wir zusammen mit Frau XY die Urkunde vor, übergaben dem Brautpaar jeweils noch eine Foto-Taube und dann flogen alle Tiere zusammen Richtung Heimat. Wir hatten einen wunderbaren Auflass mit den weißen Tauben, das Brautpaar war zu tiefst gerührt und Frau XY konnte auch vor lauter Rührung nichts mehr sagen. Nachdem wir uns standesgemäß verabschiedet hatten, packten wir den leeren Hochzeitstauben-Korb in unser Auto und fuhren nach Hause.